Nachruf auf Jürgen Wilde (1937–2025)
Die Deutsche Gesellschaft für Photographie trauert um Jürgen Wilde, der vor wenigen Tagen im Alter von 88 Jahren verstorben ist.
Mit ihm verliert die Fotografie einen ihrer bedeutendsten Wegbereiter – einen Galeristen, Sammler, Wissenschaftler und leidenschaftlichen Fürsprecher des Mediums als Kunstform. Gemeinsam mit seiner Frau Ann Wilde hat Jürgen Wilde das Fundament gelegt, auf dem die Fotografie in Deutschland ihren Platz in der Kunstwelt gefunden hat.
Erst vor wenigen Wochen wurden Ann und Jürgen Wilde von der DGPh mit dem Kulturpreis 2025 geehrt – als späte, aber höchst verdiente Anerkennung für ihr gemeinsames Lebenswerk. Dass Jürgen Wilde diesen Moment – begleitet von vielen Weggefährten und Familienmitgliedern – erlebte und genießen konnte, erfüllt uns mit tiefer Dankbarkeit.
Ann und Jürgen Wilde waren die Pioniere des Foto-Kunstmarkts in Deutschland. Als sie 1972 in Köln die erste kommerzielle, ausschließlich der Fotografie gewidmete Galerie gründeten, war das eine mutige Entscheidung – getragen von Überzeugung, Wissen und Leidenschaft. Sie zeigten Fotografie konsequent als Kunst: im Passepartout, fein gerahmt und in klassischer Hängung an weißen Wänden. Damit veränderten sie die Wahrnehmung eines Mediums, das bis dahin kaum als sammelwürdig galt.
Ihr Programm verband die Avantgarde der 1920er und 30er Jahre – August Sander, Albert Renger-Patzsch, Germaine Krull, Florence Henri, Aenne Biermann, Karl Blossfeldt – mit zeitgenössischen Positionen aus Europa und den USA.
Ihre Galerie wurde zum Treffpunkt für Sammlerinnen, Kunsthistoriker, Kuratorinnen und Künstler aus aller Welt und trug maßgeblich dazu bei, Fotografie im internationalen Kunstkontext zu verankern.
Jürgen Wilde, Kunsthistoriker mit Kenntnissen im Maschinenbau, Fotograf und in den 1960er Jahren Mitarbeiter von L. Fritz Gruber bei den legendären Photokina-Bilderschauen in Köln, verband wissenschaftliche Genauigkeit mit ästhetischem Gespür. Der Erwerb von Teilen des Nachlasses des Kunsthistorikers Franz Roh im Jahr 1968 war ein Wendepunkt: Von da an widmeten sich Ann und Jürgen Wilde mit beispielloser Konsequenz der Erforschung und Bewahrung der Fotografie der Neuen Sachlichkeit und des Neuen Sehens. Mit Akribie und Leidenschaft spürten sie unbekannte oder vergessene Werke auf – etwa von Germaine Krull oder Moi Ver – und gaben ihnen ihren Platz in der Kunstgeschichte zurück. Sie berieten Museen und Ausstellungshäuser, lieferten Impulse für die Präsentation und Vermittlung fotografischer Kunst und wirkten als Leihgeber und Kuratoren mit. Ihr Wirken prägte auch die für die Fotografie bahnbrechende documenta 6 (1977), die das Medium endgültig in den Kanon der bildenden Künste aufnahm.
Nach der Schließung ihrer Galerie 1985 widmeten sich Ann und Jürgen Wilde vollständig der wissenschaftlichen Arbeit an den Archiven von Karl Blossfeldt und Albert Renger-Patzsch, die 1991 in die Liste national wertvollen Kulturguts aufgenommen wurden. Parallel dazu entstand eine herausragende Sammlung, die in ihrer Tiefe und Qualität bis heute einzigartig ist. Diese Sammlung und die Archive bilden heute das Herz der Stiftung Ann und Jürgen Wilde, die seit 2010 in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen / Pinakothek der Moderne in München beheimatet ist.
Jürgen Wilde war nicht nur ein Kenner, sondern auch ein Lehrer – streng, präzise, aber immer von tiefem Respekt vor dem Medium Fotografie erfüllt. Wer mit ihm arbeitete, lernte den Unterschied zwischen einem „Vintage Print“ und einem späteren Abzug nicht als technische Kategorie, sondern als Ausdruck von Integrität und künstlerischer Authentizität zu begreifen. Sein Einfluss reicht weit über die Galerie- und Museumsszene hinaus – in die Arbeit von Sammlerinnen, Auktionatoren, Wissenschaftlerinnen und jungen Fotohistorikern, die von ihm gelernt haben, was Qualität und Haltung bedeuten.
Jürgen Wilde hinterlässt ein Lebenswerk, das weit über sein eigenes Wirken hinausstrahlt: die Anerkennung der Fotografie als Kunst, die Bewahrung fotografischer Geschichte und eine Stiftung, die auch künftigen Generationen den Blick für das fotografische Bild schärfen wird.
Dafür gebührt ihm die höchste Anerkennung und unser Dank!
Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau Ann Wilde und allen, die ihm nahestanden.
Sein Werk, seine Haltung und seine Leidenschaft werden fortbestehen – in den Bildern, die er bewahrt hat, und in all jenen, die von ihm gelernt haben, die Fotografie zu sehen.
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